Kräutermix
Ambrosia artimesiifolia ...
...auch inzwischen bekannt als Beifuß- Ambrosie. Eine Pflanze wie aus dem Fluch der Verdammten. Gejagt auf staatliche Anordnung, gefürchtet aus Unwissenheit, verflucht aus Verzweiflung - so wird diese Fremde in den Medien präsentiert. Eine weitere Aktion der Volksverdummung und Panikmache, meine ich. Die "Welt" hat einen für mich brauchbaren Artikel veröffentlicht, der sich sachlich mit diesem Thema beschäftigt. (Andreas Strandt)
Ambrosia artimesiifolia
Albtraum für Allergiker (Originalartikel: „Die Welt“ vom 17.06.2008)
Eine Pflanze aus Amerika macht den Deutschen zu schaffen: Ambrosia. Auf breiter Front wird sie von einem Heer aus Ein-Euro-Jobbern bekämpft. Doch wie gefährlich sind eingeschleppte Arten wirklich für Menschen und Umwelt
von Michael Miersch
Die Nase läuft, die Tränen fließen. Wenn in einem Kubikmeter Luft nur sechs Pollen des Beifußblättrigen Traubenkrauts schweben, reicht das, um bei empfindlichen Menschen Allergien und sogar Asthma-Anfälle auszulösen. Zum Vergleich: Bei Gräsern müssen in der gleichen Menge Luft 50 Pollen fliegen, um so wirksam zu sein. Die Ambrosia artemisiifolia, so der botanische Name, verteilt das weltweit stärkste Pollenallergen. Bis zu zehn Prozent der Bevölkerung reagieren sensibel darauf. Eine einzige Ambrosia-Pflanze kann in ihren kleinen, gelben Blüten eine Milliarde Pollen erzeugen. Und damit nicht genug: Das Traubenkraut ist nicht nur aggressiver als andere Pflanzen, es blüht auch länger - wenn der Herbst warm ist manchmal bis Oktober. Deshalb schlagen Allergologen Alarm und kommunale Verwaltungen ordnen die Vernichtung der Fremdpflanze an. Im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg patrouillieren Ein-Euro-Jobber an Straßenrändern und Bahngleisen, auf Brachflächen und in Parks, um das lästige Kraut herauszureißen, bevor es im Juli zu blühen beginnt. Die „taz" stellte das Unkraut sogleich in einen weltpolitischen Kontext und warnte vor der „amerikanischen Allergieschleuder".
Ob sich Ambrosia in Deutschland fest etabliert, ist noch unsicher. „Beherzte Maßnahmen", so der Biologe Stefan Nawrath, könnten das noch verhindern. In Italien, Frankreich und Ungarn ist der Eindringling schon so verbreitet, dass man ihn wohl nicht mehr loskriegt. Holländische Mediziner, die ihre Ergebnisse auf einem großen Allergologie-Kongress in diesem Monat in Barcelona vorstellten, konnten keine schnelle Ausbreitung feststellen. Ihre Messstation meldete keinen Anstieg von Ambrosia-Pollen in der niederländischen Luft.
Neben dem Rausreißen könnten schärfere Kontrollen von Vogelfutter die Ausbreitung eindämmen, denn diese Körnermischungen sind das wichtigste Transportmittel für Ambrosia-Samen. Bei einer Untersuchung des Verbrauchermagazins „Ökotest" 2007 enthielten 15 von 18 Produkten Traubenkrautsamen.
Ambrosia ist nicht die erste gesundheitsschädliche Pflanze aus anderen Weltteilen, die sich hierzulande breitmacht. Im 19. Jahrhundert kam bei deutschen Gärtnern der Riesen-Bärenklau aus dem Kaukasus in Mode, der sich schnell selbstständig machte und ausbreitete. Berührt ein Mensch die bis zu drei Meter langen Blätter des gigantischen Krautes, röten sich die betroffenen Hautstellen und werden überempfindlich gegen Sonnenlicht. In krassen Fällen kann es zu schmerzhafter Blasenbildung kommen. Schädliche Pflanzen aus anderen Weltteilen lösen ähnliche Reflexe aus wie kriminelle Ausländer. Einige nutzen das Thema, um generell Misstrauen gegen Fremde zu schüren. Doch ein alter Spruch gegen Fremdenfeindlichkeit - „Alle Menschen sind Ausländer, fast überall" - lässt sich durchaus auf Flora und Fauna übertragen. Lange bevor das Thema „Invasive Arten" aufkam, beherbergte unsere heimische Natur einen erheblicher Ausländeranteil. Ein paar davon bereiten Probleme, doch die meisten haben sich so gut integriert wie einst die Polen im Ruhrgebiet.
Wie in der politischen Arena, so ist im Naturschutz die große Angst vor der Überfremdung ausgebrochen. Schreckensbilder über „Alien-Attacken" geistern durch die Medienlandschaft und beschäftigen Kongresse. Die angeblich drohende Überfremdung der nationalen Natur wird dabei gern in grellen Farben ausgemalt. Josef H. Reicholf, Professor an der Zoologischen Staatsammlung Münchens und international renommierter Ökologe, hält die Angst vor zugereisten Pflanzen und Tieren für übertrieben: „Fremdenfeindlichkeit unter dem Deckmantel der Ökologie." Denn die allermeisten zuwandernden Pflanzen und Tiere bleiben völlig unauffällig.
Im Falle des Traubenkrauts bemühen die Warner ein weiteres Motiv: die Furcht vor einem Klimawandel. Angeblich ist die Ausbreitung dieser Pflanze ein Beleg für Klimaerwärmung. Dagegen spricht allerdings, dass sich Ambrosia schon Anfang des 20. Jahrhunderts in der Schweiz breitmachte, einem Gebirgsland mit deutlich kühleren Temperaturen. Was ist heimische Natur? Gehören die Kastanien dazu, die von den Römern angepflanzt wurden, oder die Kaninchen, die sie als Proviant mitbrachten? Viele Pflanzen und Tiere siedelten sich ohne Zutun des Menschen an. In den letzten 100 Jahren sind mehrere Dutzend Vogelarten bei uns eingewandert und haben sich dauerhaft niedergelassen. Arten in „heimisch" und „fremd" einzuteilen widerspricht der evolutionären Dynamik. Wandel ist die Geschäftsgrundlage der Natur. Wie künstlich diese Einteilung ist, zeigt sich schon daran, dass es tatsächlich einen Stichtag gibt, der „heimisch" von „fremd" trennt. Als Neophyten (neue Pflanzen) oder Neozoen (neue Tiere) werden Arten bezeichnet, die sich nach der Entdeckung Amerikas (1492) durch direkte oder indirekte Unterstützung des Menschen in einem fremden Naturraum angesiedelt haben. In Deutschland fallen 700 Arten von Pflanzen darunter, die zwischen 2700 Alteingesessenen gedeihen.
Bei den Tierarten stehen 1.300 neue 48.000 einheimischen gegenüber.
Eingewanderte oder eingeschleppte Arten können durchaus ökologische Desaster anrichten, wie die Geschichte der im Victoriasee ausgesetzten Nilbarsche zeigt. Sie rotteten zahlreiche andere Fischarten aus, darunter solche, die sich von organischem Abfall am Seegrund ernährten. In der Folge nahm der Faulschlamm immer mehr zu. Algenblüten und Sauerstoffmangel führten zu einer ökologischen Katastrophe. Nicht nur in stehenden Gewässern, auch auf Inseln, die lange Zeit von den kontinentalen Ökosystemen abgetrennt waren, können Neulinge den Alteingesessenen heftig zusetzen, wie man an der Ausbreitung europäischer Wespen in Neuseeland beobachten kann. Doch für Deutschland ist es eher unwahrscheinlich, dass eingewanderte oder eingeschleppte Fremdlinge großes ökologisches Unheil anrichten. Mitteleuropa ist Teil einer Landmasse, die vom Atlantik bis zum Pazifik reicht. Jede Ameisenart kann sich theoretisch ziemlich ungehindert von Wladiwostok bis Lissabon ausbreiten, und das seit Millionen Jahren. Die Fauna und Flora Europas hat im Laufe der Klimageschichte schon mehrmals ein komplettes Revirement durchgemacht. In den Warmphasen zwischen den Eiszeiten schwammen Nilpferde im Rhein. Dann schoben sich die Gletscher von Norden bis nach Sachsen und im Süden von den Alpen her bis Oberbayern. Die Nilpferde mussten den Mammuts weichen.
Deshalb argumentieren die Verfechter nationaler Naturreinheit in erster Linie mit gesundheitlichen Gefahren, wie im Falle des Traubenkrauts, oder mit ökonomischen Schäden. Über 100 Millionen Euro Schaden würden fremde Arten verursachen, warnte das Bundesamt für Naturschutz im Jahr 2005. Wandermuscheln aus dem Schwarzen Meer verstopfen Abwasserrohre, Chinesische Wollhandkrabben und amerikanische Bisamratten untergraben Uferbefestigungen. Amerikanische Kartoffelkäfer bedrohen unsere liebste Beilage. Auch der Maiswurzelbohrer hat seinen Weg über den Atlantik gefunden und erobert vom Balkan aus Europas Äcker. Und jetzt noch die Gesundheitsgefahren durch Ambrosia-Pollen. „Die biologische Vielfalt Europas ist bedroht", erklärt die EU-Kommission und warnt vor Gefahren „in ungeahntem Ausmaß".
Doch auch alteingesessene Arten können teuer werden. Die durch heimische Rehe verursachten Forstschäden oder der Ackervandalismus Urdeutscher Wildschweine schlagen ökonomisch heftig zu Buche. Und auch was Allergien betrifft, übertreffen die altbekannten Bösewichter die Neuankömmlinge. „Die Hausstaubmilbe" so der Berner Immunologe Beda Stadler, „ist nach wie vor das gefährlichste Allergen." Eines der Kreuzallergene des Traubenkrauts ist die heimische Kamille. Auch sie bereitet den Betroffenen Beschwerden. Kreuzallergene sind Stoffe, die die gleichen Immunreaktionen auslösen können wie das eigentliche Allergen.
Auf dem Allergie-Kongress in Barcelona, berichtet Stadler, wurde diskutiert, dass es wahrscheinlich nur etwa 100 allergene Strukturen weltweit gibt, die sich in unterschiedlichen Naturstoffen wiederfinden. „Es ist also praktisch nicht möglich", sagt er, „dass es noch irgendwo auf der Welt ein Allergen gibt, das nicht in einer ähnlichen, verwandten Form hier in Europa vorkommt." Ob die gesundheitlichen Belastungen durch Ambrosia immer weiter zunehmen werden, ist schwer vorauszusagen. Auf dem Allergologen-Kongress vertraten einige Experten die Meinung, dass Allergien gerade durch besonders seltene Konfrontation mit dem Reizstoff erzeugt werden. Der Amerikaner Thomas Platts-Mills, der jahrelang die Ansicht vertreten hatte, man solle unter allen Umständen dem Allergen aus dem Weg gehen, revidierte seine Position vollständig. Jetzt sagt er, je mehr Haustiere man hat, desto geringer ist die Gefahr, an Hunde- oder Katzenhaarallergie zu erkranken. Für einen solchen Gewöhnungseffekt spricht, dass in Japan Reisallergie früher unbekannt war, da alle ständig Reis aßen. Erst seit es Alternativen gibt, gibt es auch Reisallergiker. Dagegen spricht wiederum, dass auch in Amerika Ambrosia zu den wichtigsten Gräserallergenen gehört, obwohl es dort weit verbreitet ist.
Solange umstritten ist, ob sensible Menschen Allergie-Auslöser meiden oder sich daran gewöhnen sollen, ist es wohl besser, Ambrosia weiterhin auszureißen. Ganz loswerden kann man den Fremdling wohl ohnehin nicht mehr. „Austausch von Faunen und Floren sollte beobachtet und kontrolliert werden", sagt der Greifswalder Neozoen-Experte Ragnar Kinzelbach. „Er kann dadurch eingeschränkt und verzögert werden, aber ist letztlich unvermeidlich." Wie man sich schon mal an Ambrosia gewöhnen kann, zeigen die Bewohner der Schweizer Region Unterwallis. Sie legen eine der Ambrosia-Arten in Schnaps ein und verkaufen ihn als lokale Spezialität.